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Paxi und der Dorn

Guten Tag, mein lieber Zuhörer! Ich habe eine neue Geschichte mitgebracht. Von wem wird sie wohl handeln? Weißt du es? Von Paxi, dem kleinen, mutigen Eichhörnchen? Ja, genau, er ist der Held meiner heutigen Erzählung. Er muss heute sehr tapfer und mutig sein, aber das schafft er bestimmt. Willst du wissen, was passiert war? Na dann hör’ mal genau zu.

Es regnete. Es regnete schon seit langem. Tags, nachts, wieder tags und die ganze folgende Nacht auch noch. Kleine Tropfen, die die Blätter des großen, kräftigen Baumes benetzten, der ganz in deiner Nähe auf der Wiese stand. Erst waren es nur diese kleinen, feuchten Winztropfen, die der Wind noch aufgreifen und umherwirbeln konnte wie Federn. Zu den hundert kleinen kamen nach und nach tausend größere Tropfen. Tropfen, die die Blätter des Baumes kitzelten, dass es aussah, als würde der alte Baum lachen. Sie waren so laut, dass du sie hättest hören können, als sie auf den Blättern zersprangen. Tausende waren es, die zerplatzen und sich wieder zusammenschlossen, um in kleinen Rinnsalen an der Rinde des Baumes herunterzulaufen. Dabei nahmen sie den ganzen Staub mit, der an ihr haftete. Liebevoll und vorsichtig wusch der Regen den großen Baum sauber.

Die Eichhörnchen in ihren Kobeln schliefen. Sie waren müde von den tagelang dauernden Arbeiten an ihren Nestern. Fleißig hatten sie gepolstert, vergrößert, gereinigt und Löcher gestopft. Als die großen Regenwolken am Himmel aufzogen, kletterten sie ins trockene Innere ihrer kugelförmigen Bauten und ruhten sich aus. Alle drei hatten genug Vorräte herangeschafft, um eine Weile ohne Nahrungssuche auszukommen. Also schliefen sie sich aus. Und sie kuschelten sich aneinander, übereinander und untereinander. Das Moos und die Federn im Kobel hielten sie warm. Die Geschwister verbrachten eine sehr friedliche Zeit.

Aber jede Faulenzerei wird irgendwann einmal langweilig. Paxi reckte und streckte sich, so gut es ging, aber seine Muskeln wollten das nicht mehr. Er musste mal wieder richtig springen, klettern, toben und rennen.

Es hilft nichts, ich muss eine Weile hinaus in den Baum. Ich muss mich bewegen!“ rief er, sprang auf und war mit einem gewaltigen Sprung verschwunden. Pia und Paul blickten sich an und hüpften flink hinterher.

Paxi fühlte sich herrlich. Die Luft im Regen war etwas ganz besonderes. Seltsame Gerüche lagen in ihr und alles herum klang fremdartig. Das Tröpfeln, Platschen und Fließen des Wassers war eine ganz eigene Musik und versetzte das Eichhörnchen in eine neue Welt. Vorsichtig und staunend erklomm Paxi seinen so bekannten Baum. Er dachte bisher, dass er jeden Ast und Winkel kannte, aber diese glitzernde, flimmernde Zauberwelt war neu für ihn. Die sonst raue Rinde war jetzt weich und nass, die Blätter hingen schwer nach unten und überall tropfte es. Die Tropfen vereinigten sich zu Bächen und flossen auf die Wiese hinab. Paxi machte es viel Spaß, sich unter große Zweige zu setzen und von den glänzenden Sternen berieseln zu lassen. Ihm gefiel die bezaubernde Landschaft sehr. Neugierig lief er den Bächlein hinterher, beobachtete, wie sie ineinander griffen, sich verschlangen und winzige Strudel in der Rinde der Äste bildeten.

Seine Muskeln zitterten vor Freude, als er voller Elan von Ast zu Ast sprang. Höher und höher, schneller und schneller. Seine Energie ließ nicht nach. All die Stunden und Tage des Liegens und Schlafens hatten ihn zu einem Flummi werden lassen. Er spürte den Wind an seiner Nase, als er zwischen den Zweigen entlang kletterte und roch den spannenden Duft des feuchten Baumes, als er vornüber am Stamm nach unten hüpfte.

Nach einer Weile erreichte Paxi die große Astgabel, die auch an schönen Tagen oft einen kleinen Vorrat an Regenwasser speicherte. Hier war die Rinde bereits so lange feucht, dass sie einen schleimigen Überzug aus Bakterien bekommen hatte. Das kleine Eichhörnchen wusste das natürlich nicht, und als er voller Wonne auf die Fläche sprang, rutschte er aus. Immer schneller und schneller schlitterte er, drehte sich um sich selbst und fiel vom Ast herunter.

Lauthals rief er nach seinen Geschwistern, aber sie konnten ihn nicht hören. Weiter unten schlug Paxi hart auf andere Zweige auf und endlich konnte er sich mit seinen Krallen festhalten. Ihm war schwindelig und er hatte Angst. So etwas war ihm noch nie passiert. Klettern und Springen- das waren die Dinge, die Paxi am besten konnte. Schon als Eichhörnchenbaby gelangen ihm die waghalsigsten Sprünge. Und nun sowas.

Behutsam richtete er sich auf und wollte zum Nest zurück klettern, als ihn ein schrecklicher Schmerz durchfuhr. Erschrocken blickte er an sich herab und entdeckte einen kleinen, dunkelroten Dorn, der in seiner rechten Hinterpfote steckte. Der Anblick gefiel ihm gar nicht. Er überlegte, ob er einfach weinen, schimpfen oder losbrüllen sollte, aber eigentlich würde ihm das gar nicht helfen. Der Dorn würde sich davon nicht aus seiner Pfote lösen.

Es nützt wohl nichts, ich muss jetzt einfach sehr, sehr tapfer sein“, sagte er sich. Mit einem schnellen Griff schnappte er sich den Dorn und zog ihn heraus. Er biss die Zähne fest zusammen und kniff die dunklen Augen so stark zu, dass er gar nicht mehr so recht wusste, woher der Schmerz kam. Und dann war alles vorbei. Er öffnete die Äuglein und sah in seine Pfötchen. Der winzige Dorn lag darin, dunkelrot und glänzend.

Hah, von dir lasse ich mich nicht noch einmal ärgern!“ rief Paxi erleichtert und warf den Übeltäter in einem hohen Bogen vom Baum auf die Wiese.

Er betrachtete seine verletzte Pfote. Sie war etwas geschwollen und tat einigermaßen weh.

Langsam und immer darauf bedacht, sich ordentlich festzukrallen, kletterte er in sein Nest zurück. Pia und Paul sahen ihn kommen und gesellten sich rasch zu ihm.

Paxi berichtete ihnen von seinem Unfall. Als er sah, wie mitleidig die beiden ihn ansahen, schmückte er die Geschichte noch etwas genauer aus:

Riesengroß war der Dorn. Ach was sage ich, ein halber Ast war das. Glänzend rot und steinhart. Und das hat geblutet! Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sehr das geblutet hat!“

Paul lächelte. Er wusste, wenn Paxi so übertreibt, hat er das Schlimmste schon überstanden. Er nahm seinen kleinen Bruder in den Arm und tat so, als würde er seine Flunkerei glauben. Vorsichtig verband er die leicht geschwollene Pfote. Er konnte nicht einmal einen Einstich oder eine Wunde sehen.

Dann bereitete er das Essen vor. Paxi durfte im Liegen essen und fand, dass es gar nicht so übel war, verletzt zu sein.

Nach den abendlichen Zapfen, Nüssen und Samen bereitete Pia das Schlaflager vor und Paul räumte die Schalen auf. Paxi musste nicht helfen.

Pia legte sich zu ihm und streichelte über seinen Verband.

Tut es noch sehr weh?“ fragte sie besorgt.

Nein, gar nicht,“ gestand Paxi schmunzelnd. „Aber verrate es Paul nicht, dann brauche ich morgen vielleicht auch nicht im Haus helfen.“

Die beiden kleinen Eichhörnchen glucksten vor Spaß. Wenn sie Paul ein kleines bisschen hinters Licht führen konnten, machte ihnen das immer besonders viel Freude.

Paul hatte ihnen den Rücken zugedreht, so konnten sie nicht sehen, dass er lachte. Er hatte jedes Wort gehört.

Er dachte: ‘Na, morgen darf er ruhig noch ein wenig schauspielern, er wird sich schneller verraten, als ihm lieb ist.’ Und dann drehte er sich zu den Kleinen um, die augenblicklich mit dem Kichern aufhörten und so taten, als hätten sie schlimme Schmerzen. Dass Pia gar nichts fehlte, hatte sie wohl völlig vergessen. Paul setzte sich zu ihnen, strich über ihr Fell und erzählte ihnen von den Verletzungen, die er bei anderen Tieren schon versorgen durfte und wie schnell diese dann wieder verheilt waren.

Doch Paxi und die kleine Pia hörten gar nicht mehr richtig hin. Sie hatten sich aneinander gekuschelt und die Augen geschlossen. Paul hatte die warme Schmusedecke über sie gelegt. Du weißt schon, die grüne mit den gelben Punkten. Die grüne, die nach Schlaf duftete und so weich war, dass man unter ihr den schönsten Eichhörnchenschlaf schlafen konnte.

 

Eine Antwort zu Paxi und der Dorn

  1. Kerstin

    6. Mai 2010 at 17:38

    Hallo Anke,

    deine neue Geschichte ist mal wieder richtig gut gelungen. Werd sie meinen Zweien gleich heute abend vorlesen. Mal schauen was sie dazu sagen.
    Ja, ja. Der liebe Regen, der macht nicht nur einem kleinen Eichhörnchen zu schaffen. Es wird wirklich Zeit, dass es endlich aufhört und die lieben Kleinen wieder raus ins Feld können. Übrigens, schöne Grüße an deine 3 Racker und natürlich deinen Mann nicht zu vergessen.

    GLG Kerstin

     

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