Paxi und der Regen
Hallo mein kleiner Zuhörer. Schön, dass du dir wieder ein Abenteuer von Paxi und seinen Geschwistern anhören möchtest. Bist du schon gespannt? Ja? Na dann spitz die Ohren, es geht gleich los.
Langweilig. Langweilig und nochmal langweilig. Paxi fühlte sich schrecklich. Langeweile war das, was ein kleines Eichhörnchen so gar nicht brauchte. Aber es gab nichts zu tun! Die Lager waren voll, die Kobel sauber und seine Turnübungen hatte der kleine Raufbold schon längst erledigt. Paul war nicht da, er ging immer wieder auf Erkundungen rund um die Wiese hinter dem Haus mit den vielen Fenstern. In den Büschen und Sträuchern gab es immer etwas zu entdecken. Oftmals waren diese Dinge gefährlich, deswegen durfte Paxi nie mitgehen.
„Erst wenn du größer und älter bist, Paxi“, hatte Paul heute morgen gesagt.
Größer, älter. Immer wieder hörte er diese Worte. So langsam konnte er das nicht mehr ertragen. Sah Paul denn nicht, wie viel größer er geworden war seit dem Winter? Bestimmt mindestens eine Million hunderttausend irgendwas größer. Dennoch musste er hier hocken und nichts tun. Pia hatte sich in ihr geheimes Lager verkrochen und kam dort auch so schnell nicht wieder heraus. Paxi wusste, dass sie stinksauer werden würde, wenn er jetzt dort vorbeikäme.
„Gib acht auf unser zu Hause“, hatte Paul zum Abschied gesagt. „Es ist alles was wir haben. Nichts darf ihm passieren.“ Paxi seufzte. Was sollte so einem großen, alten Baum denn schon passieren? Fallen Bäume denn auf einmal um und sind nicht mehr da? Was meinte Paul denn nur?
Diese und andere Fragen gingen dem kleinen Eichhörnchen durch den Kopf, als er zum dritten Mal an diesem Nachmittag in die höchste Astgabel kletterte, um Ausschau zu halten. Doch nichts war zu sehen. Alles war wie immer. Der große, kräftige Baum mit den dicken Ästen stand sicher und ruhig inmitten der grünen Wiese hinter dem Haus mit den vielen Fenstern. Es war still, die vielen Vögel waren noch nicht aus ihren Winterquartieren im Süden zurückgekehrt. Auf der Wiese rund um den Baum wuchsen die ersten Blumen. Weiße Schneeglöckchen. Die mochte Paxi am liebsten. Und Krokusse. Rote, gelbe, violette und weiße. Hier und da krabbelten die ersten Insekten über sie hinweg. Die Frühlingssonne hatte schon ein paar dieser Gesellen wach gekitzelt.
Paxi sah sich weiter um. Die Sträucher waren mit einem leichten Schimmer überzogen. Hellgrün und durchsichtig, als ob ein leichtes Spinnennetz über sie gespannt war. Er wusste schon, dass das die ganz jungen Blattknospen waren, die von den ersten Blättern des Jahres durchstoßen wurden und somit ihren eigentümlichen Glanz bekamen. Der alte Baum, auf dem die Eichhörnchen lebten, hatte seine Knospen noch fest geschlossen. Ehe diese jungen Triebe sich entfalten würden, müsste die Sonne noch viele viele warme Strahlen auf ihnen ablegen.
Das Haus vor der Wiese allerdings hatte in den letzten Tagen eine echte Wandlung durchlebt. Ständig ging eines der vielen Fenster auf, wurde sauber gewischt und poliert. An manchen Scheiben hingen Bilder. Blumen, bunte Eier und Häschen. Aus dem letzten Jahr wusste Paxi, dass diese Dinge nicht zum essen oder jagen waren, sondern starr dasaßen und gar nicht gut schmeckten. Irgendwann verschwanden sie wieder, deswegen machte sich das kleine Eichhornjunges auch keine weiteren Gedanken darum. Er sah sich lieber weiter um, sah auf die Straße. Wie jeden Tag fädelten sich hier viele Autos aneinander. Solange er nicht in die Nähe dieser bunten Kette kam, war alles in Ordnung. Das hatte er schon gelernt, als er ein winziges kleines, rotes Fellknäuel war.
Plötzlich geschah etwas unerwartetes. Ein mächtiger Wassertropfen landete direkt auf Paxis Nase! Erschrocken sah er nach oben und ein seltsames Gefühl machte sich in seinem Bauch breit. Über ihm, am Himmel, türmten sich mächtige Wolken. Dunkelgraue, bärtige Gesichter schoben sich entlang, trieben hellgraue und weiße Schäfchen beiseite oder nahmen sie ganz in sich auf. Dunkel und schwer sahen sie aus. Bedrohlich. Nun roch Paxi es auch. Die Luft schmeckte anders als sonst. Nach Gefahr. Schnell drehte er sich um und flitze in die Tiefen der Baumkrone. Er musste Pia warnen. Ihr geheimes Lager befand sich in einer unsicheren Astgabel an einem dünnen Ende eines sehr alten Zweiges. Bei einem Sturm war es kein sicherer Aufenthaltsort.
Paxi düste in jede Ecke, die er kannte. Zur Nische, die sich immer mit Wasser füllte. Zum neuen Kobel weit oben, von dort die schlanken Zweige entlang, immer auf der Suche nach Pias Versteck. Aber es wollte sich ihm nicht zeigen.
Mittlerweile spürte er schon den Wind im Fell. Zuerst nur sachte, in seiner Schwanzspitze. Aber schon nach wenigen Augenblicken rissen die Böen an seinen Füßchen. Angestrengt krallte er sich in die Rinde. Er konnte nicht mehr so schnell klettern, nun, da der Sturm über ihn hereingebrochen war. Der mächtige Wind säuselte. Er sang ein Lied, das voller Gefahr und Bedrohung steckte.
Mit einem mächtigen Heulen setzte der Regen ein. Es war, als würde sich ein ganzer Bach in den Baum ergießen. Im Sommer wäre das nicht schlimm, dann hätte der mächtige Baum die Eichhörnchen beschützt. Jedes grüne Blatt dient nämlich als Regenschirm und lässt nur ganz wenig Wasser bis ins Innere der Baumkrone hindurch. Und wenn sich Paxi und seine Geschwister dann in ihre Kobel kuschelten, waren sie ganz sicher.
Jetzt aber war alles anders. Paxi war allein, suchte seine kleine Pia und kein Blatt war da, um das Wasser von ihm fernzuhalten. Mit dem Kopf voran stürmte er auf den letzten Ast, den er noch nicht abgesucht hatte. Dieser war schon sehr alt und ächzte unter dem Tanz des Sturmes. Doch nun konnte Paxi die runde Kammer sehen, die sich Pia letzten Sommer angelegt hatte.
„Pia!“, rief er verzweifelt. „Pia! Komm zu mir, wir müssen zusammen in den Kobel!“
Regen peitschte ihm in die Augen, aber er sah eine leuchtende orange Gestalt auf ihn zulaufen. Wie ein Blitz drehte er sich um und zeigte Pia den schnellsten Weg nach Hause.
Das schmale Loch am Boden des Nestes bot nur Platz für einen, also ließ er das zierliche Mädchen als erstes hinein und huschte dann hinterher.
Keuchend kuschelten sie sich aneinander. Paxi konnte Pias Herz schlagen hören, so fest drückte sie sich an ihn.
Pia flüsterte: „Ich konnte nichts mehr sehen draußen. Der Sturm und der Regen hatten mich eingesperrt. Danke, dass du gekommen bist, um mich zu holen.“
Mit diesen Worten gab es einen heftigen Ruck und ein schrecklich lautes Krachen ließ den Kobel erzittern. Paxi und Pia schrien auf. Was war da passiert?
„Ich kann dich jetzt nicht alleine lassen, Pia“ sagte Paxi. „Ich habe es Paul versprochen, dass ich auf unser zu Hause aufpassen werde.“ In diesem Moment hatte er es verstanden. Ein „zu Hause“ ist mehr als ein weiches Bett, feste Wände und ein leckeres Essen auf dem Tisch. Zu Hause bedeutet Familie, füreinander da zu sein und das was man hat, zu beschützen, egal wo das ist.
Paxi hielt seine Schwester ganz fest. Zusammen würden sie den Regen schon überstehen. Ob Paul wohl einen festen Unterschlupf gefunden hatte? Ob er jetzt Angst hatte und sich alleine fühlte?
Es krachte erneut. Der Wind heulte. Aber in diesem Moment kroch Paul, völlig durchnässt und zitternd, in den Eingang des Nestes.
„Oh Paul, geht es dir gut?“ fragten Pia und Paxi wie aus einem Mund.
„Ja, es geht, ich bin nicht verletzt. Mir ist nur kalt.“ antwortete er.
So kuschelten die drei Geschwister sich zusammen und wärmten einander.
Die Zeit verging und das Lied des Windes nahm ein Ende. Bald darauf waren auch die Wolkenspeicher leer und die Sonne kämpfte sich mit ihren Strahlen durch die letzten Reste des Unwetters.
Das sahen die drei Eichhörnchen gar nicht mehr. Paul hatte einen kleinen Zapfen geholt und sie hatten sich gestärkt. Dann erzählte er ihnen von seinen Erlebnissen in den Sträuchern.
Doch Paxi und die kleine Pia hörten gar nicht mehr richtig hin. Sie hatten sich aneinander gekuschelt und die Augen geschlossen. Paul hatte die warme Schmusedecke über sie gelegt. Du weißt schon, die grüne mit den gelben Punkten. Die grüne, die nach Schlaf duftete und so weich war, dass man unter ihr den schönsten Eichhörnchenschlaf schlafen konnte.
Mutti
15. März 2010 at 22:12
Spannend die neue Geschichte und zum Nachdenken.Kleiner Tippfehler bei “Gib acht auf unser zu Hause”.Kulli ein Grünspecht ist auch gut.Das eröffnet die Vogelperspektive – fliegen und so.Blick von oben…
Eine Haselmaus, die in der Wurzel wohnt , wäre auch ein Gefährte -Idee von mir.Mach weiter (…Eier)Gruß Mutti
ankelilli
16. März 2010 at 09:35
Na, mal schauen, wann es Zeit für Gefährten ist.
Danke fürs Lesen und Kommentieren!